Seltsamer Zufall oder ein PR wirksamer Geniestreich? Mit „Doping für die Haare, nur für die Haare“ hat das Unternehmen der Wolff-Gruppe Alpecin lange Jahre für ihr Haarwachstumsmittel geworben. Einen schlechteren (oder besseren?) Zeitpunkt um ihren neuen Werbeträger zu präsentieren haben sie scheinbar nicht wählen können. Einen Tag vor dem Urteil des internationalen Sportgerichtshofs ,Court of Arbitration for Sport (CAS), wurde der ehemalige Radfahrer Jan Ullrich als neuer Werbebotschafter vorgestellt.
Schuldig?
Am nächsten Tag, den 9.2.2012, ergibt alles einen Sinn. Jan Ullrich wird vom CAS in Schweizer Lausanne des Blut-Dopings schuldig gesprochen. Bei einer Razzia in der Praxis des spanischen Arztes Fuentes seien Blutbeutel gefunden worden, die mit Ullrichs Blutbild übereinstimmen. Ab dem 1. Mai 2005 konnte in den Untersuchungen der Kontakt und verschiedene Zahlungen für Behandlungen an Fuentes nachgewiesen werden. Der internationale Sportgerichtshof nimmt zwar an, dass der einzige deutsche Sieger der Tour de France bereits vor dem Jahr 2005 unerlaubte, leistungssteigernde Mittel zu sich nahm, doch handfeste Beweise dafür gibt es nicht. Rückwirkend werden dem 38-jährigen Rostocker alle Renn-Ergebnisse ab dem 1. Mai 2005 rückwirkend aberkannt. Darunter sein dritter Platz bei der Tour de France 2005 und der Sieg bei der Tour de Suisse ein Jahr später. Da Ullrich nicht als Wiederholungstäter gilt, erhielt der ehemalige Radprofi eine verhältnismäßig geringe Sperre vom Rennbetrieb bis zum August 2013.
Deutscher Vorzeigesportler
Damit zerbricht nun endgültig das Bild vom Vorzeigesportler Jan Ullrich. Lange Jahre galt der Rostocker als eine Lichtgestalt der deutschen Sportlerszene. Vor allem in den Jahren um die Jahrtausendwende ging kaum ein Weg vorbei an Ullrich. Der damals 22-Jährige wurde bei seiner ersten Teilnahme an der Tour de France direkt zweiter im Gesamtklassement. Nur ein Jahr später dann der Höhepunkt seiner Karriere: Mit seinem Sieg bei dem berühmtesten Radrennen der Welt löste Jan Ullrich einen regelrechter Radfahr-Boom in Deutschland aus und wurde als Deutschlands Sportler des Jahres 1997 gefeiert. Bisher ist er der einzige Deutsch, der die Tour de France gewinnen konnte. Auch in den kommenden Jahren riss die Siegesserie des Rostockers nicht ab. In Sydney siegte Jan Ullrich nach 5:29:08 Stunden bei den Olympischen Sommerspielen 2000 und nahm die Goldmedaille beim Straßenrennen entgegen. Zwischen 1996 und 2003 gelang dem Deutschen jedoch nie wieder der große Sieg. Gleich fünf Mal musste sich Ullrich hinter Bjarne Riis, Marco Pantani oder seinem „Erzrivalen“ Lance Armstrong mit dem zweiten Rang begnügen.
Erste Risse im Fundament
Der Mai scheint für “Ulle“ kein Glücksmonat zu sein. In der Nacht zum ersten Mai 2002 begann Ullrichs Niedergang. Im Anschluss an eine Feier rammt der damals 28-Jährige am Freiburger Hauptbahnhof einen Fahrradständer mit seinem Porsche und begeht Fahrerflucht. Zeugen können sich das Kennzeichen merken, der Schuldige ist schnell ermittelt. Neben einem Blutalkoholwert von 1,4 Promille kam der eigentliche Schreck für Ullrich wenig später. Ein Drogentest weist die Einnahme von Amphetaminen nach. Der Radsportler erinnert sich an eine Pille, die er in der Diskothek eingenommen habe, aber verzichtet auf die B-Probe. Ein erstes Eingeständnis. Der Bund Deutscher Radfahrer sperrt Ullrich für ein halbes Jahr. Doch der einzige deutsche Sieger bei der Tour de France gibt nicht auf und kommt 2003 mit einem zweiten Rang bei der Rundfahrt durch Frankreich zurück in das Rampenlicht der Radsportszene.
Der endgültige Absturz
“Ulle“ erinnert sich noch gut an den medialen Druck nach dem Ausscheiden von Armstrong in 2006: „Mit dem Sieg der Tour 1997 stand ich blitzartig im Fokus der Öffentlichkeit. Alle erwarten Siege von mir. Der zweite Platz ist der erste Verlierer.“ Damit bekennt der ehrgeizige Rostocker schon halb. Jedes Mittel schien den Sieg zu rechtfertigen. Auch diese Aussage des „Deutschen Sportler des Jahres 1997“ schlägt in dieselbe Kerbe: „Ich wollte für die Tour 2006 nochmal alles rausholen. Nach meinem Toursieg 1997 und fünf zweiten Plätzen war der Druck der Öffentlichkeit , der Sponsoren und auch mein Eigendruck immens groß. Alle wollten einen zweiten Toursieg, besonders nach dem Rücktritt von Lance Armstrong.“ Nur ein Jahr später beendete Jan Ullrich seine Karriere als aktiver Radprofi.
Neue Ausflüchte
Fünf Jahre später nun das Urteil der CAS. Während die Radsportwelt gebannt auf ein deutliches Statement von Ullrich wartet, entscheidet sich der Rostocker für den einfachen Weg. Statt einem eindeutigen „Ja, ich habe gedopt!“ meldet sich “Ulle“ am Abend vom 9. auf den 10. Februar über seine Homepage zu Wort: „ Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen – es tut mir sehr leid.“
Er wollte einen deutlichen Schlussstrich unter diesen Teil seiner Geschichte ziehen. Für mich klingt das Ganze wieder mal nach einem halbherzigen Vorhaben, das Ullrich viele Sympathien verspielt hat. Ein einfaches „Ja, ich habe gedopt!“ wäre der erwünschte Schlussstrich sicher gewesen. So bleibt der bittere Nachgeschmack einer halbgaren Wahrheit.
Vom Profi vom Jedermann
Doch was nun? Jan Ullrichs Plänen nun im Jedermann-Bereich wieder an Radrennen teilzunehmen hat der Bund Deutscher Radfahrer einen Riegel vorgeschoben. Bis zum August 2013 ist Ullrich vom Rennbetrieb gesperrt – also auch für den Amateurbereich. Nächster Stop: Botschafter für den Breitensport im Radsport, eventuell ein Posten als Trainer oder Manager in diesem Bereich.
Sein eigenes Gerichtsverfahren ist abgeschlossen. Jedoch könnte sich Ullrich schneller wieder im Gerichtssaal wiederfinden als geplant. Im Raum steht eine Einbindung Ullrichs als Zeuge im Prozess zu den Dopingvorwürfen gegen die Uniklinik Freiburg. In den nächsten Tagen entscheidet sich, ob es zur Hauptverhandlung oder der Einstellung des Verfahrens kommt.
Vielleicht kommt es dort endlich zu dem Eingeständnis, auf das die Radsportwelt so lange wartet.
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