Am Anfang der Saison hat man beim VfB Stuttgart von einem Jahr des Umbruchs gesprochen. Nach den fetten Jahren mit Meisterschaft und Teilnahmen in der Champions League waren die Kosten des Kaders auf 60 Millionen Euro angeschwollen. Dann blieb der Erfolg aus. Letztes Jahr spielten die Rot-Weißen lange Zeit in unmittelbarer Reichweite der Abstiegsränge, erst drei Siege in Folge (30. bis 33. Spieltag) brachten die endgültige Erleichterung: Der Klassenerhalt war gesichert, am Ende standen die Schwaben sogar auf Rang 12.
Graue MausSo ein Szenario wollten die Verantwortlichen beim Meister von 2007 nicht noch einmal erleben. Wieder mir „Jungen Wilden“ angreifen, die Kosten im Kader senken. Doch davon ist relativ wenig zu sehen. Statt angreifen steckt der VfB im absoluten Mittelmaß der Liga fest. Am 24. Spieltag stehen die Rot-Weißen zwar auf dem 8. Tabellenrang und die Abstiegsränge sind auf neun Punkte in deutliche Entfernung gerückt. Doch auch der Weg nach oben ist wahrscheinlich verbaut. In dieser Saison reicht zu 99 Prozent der siebte Rang für die Qualifikation für die Europa League. Diesen belegt momentan Hannover 96, die vor zwei Wochen den VfB mit 4:2 geschlagen hat und dadurch den Abstand mit fünf Punkten konstant gehalten.
Rückbesinnung auf alte Werte
Der erste Schritt ist gemacht. Manager Fredi Bobic gelingt es nach und nach die Altlasten der Vergangenheit zu entsorgen. Ciprian Maricas Vertrag wurde zu Saisonbeginn aufgelöst, Pavel Pogrebnyak wechselte nach England zum FC Fulham und der ausgeliehene Ausfall Philipp Degen darf zurück zum FC Liverpool. Spieler, die ihren Weg beim VfB nicht weitergehen wollten, so wie Christian Träsch oder Bernd Leno wurden gewinnbringend verkauft. Auf der anderen Seite haben bisher alle Einkäufe, anders als in der Vergangenheit, gut eingeschlagen. Maza zeigt zu Saisonbeginn in der Innenverteidigung ansprechende Leistungen, William Kvist ist die erwartete Stütze im defensiven Mittelfeld und die Angreifer Shinji Okazaki und Vedad Ibisevic beleben das Angriffsspiel sichtlich. Der junge japanische Aussenverteidiger Gotoku Sakai hat in den letzten drei Spielen seine Klasse angedeutet und die Abwesenheit von Christian Molinaro gut genutzt. Dazu strömen junge Talente aus der eigenen Jugend in die erste Mannschaft. Antonio Rüdiger hat ein ansehnliches Debüt in der Bundesliga gefeiert und auch Angreifer Christoph Heimlein sammelte fleissig seine ersten Bundesliga-Minuten.
Nichts überstürzen
In den VfB Fan-Foren wird ein radikaler Schritt gefordert: Rein mit den jungen Spielern aus der zweiten Mannschaft! Ich teile diese Meinung nicht. Lasst dem Nachwuchs seine Zeit. Immer wieder wird Trainer Bruno Labbadia vorgeworfen, die Jungspieler nicht genügend einzubinden. An dieser Stelle möchte ich auf die Bremse treten. Klar haben die Akteure in der zweiten Mannschaft und in etlichen Junioren-Nationalmannschaften tolle Leistungen gezeigt, aber eine Gruppe „junge Wilde“ zusammenzuwürfeln, wie 2007 kann nicht immer gelingen. Labbadia geht das Thema mit der richtigen Ruhe an. Bereits Anfang des Jahres durften viele der Nachwuchsspieler mit ins Trainingslager ins türkische Belek fahren. Jeder hatte seine Chance sich zu präsentieren. Einige haben das getan und Bruno wird diese Spieler sicherlich auf dem Zettel haben. Dazu gehört sicherlich auch für einige Akteure einmal in den sauren Apfel zu beißen. Deutliche Beispiele dafür sind momentan Julian Schieber und Cacau. Schieber hat in Nürnberg getroffen, wie er wollte. In Stuttgart ist das System für ihn noch unpassend. Der Schwabe muss seine Position im System Labbadia mit nur einer Spitze noch finden. Ähnlich wie Cacau. Zu schwankend waren seine Leistungen in der Hinrunde. Nun muss sich der Deutsch-Brasilianer durchbeissen und auf seine Chance, ähnlich wie in der Nationalmannschaft am vergangenen Mittwoch, warten und nutzen.
Einen Weg konsequent gehen
Zeit ist im Augenblick das wichtigste Gut. Der VfB im Wandel stand in den letzten Jahren nicht besonders für Konstanz. Und genau diese Konstanz soll jetzt endlich in die Mercedes-Benz-Arena einziehen. Labbadia und Bobic harmonieren, müssen sich nur noch auf eine klare Linie im Umgang mit der Jugend einigen. Am Ende der Saison können sich die beiden Verantwortlichen in Ruhe zusammensetzen und nachhaltig den Kader der Zukunft planen. Erstes Ziel sollte es sein, die auslaufenden Verträge bestimmter Spieler nicht zu verlängern. Khalid Boulahrouz, Stefano Celozzi, Arthur Boka und leider sogar ex-Kapitän Matthieu Delperrie sollten sich keine großen Hoffnungen auf einen neuen Vertrag machen. Auch die Kurzzeit-Arbeiter Mamadou Bah, Ibrahima Traoré und Joha Audel könnten und sollten vielleicht auch der Kostenschere zum Opfer fallen.
Die Saison im Umbruch wird glücken. Mit dem Abstieg hat der VfB dieses Jahr nichts zu tun, mit ein wenig Glück und einer Leistungssteigerung ist sogar noch der Sprung in die Europa League möglich. Ziel sollte es in Zukunft sein, wieder internationale Top-Mannschaften in der neu umgebauten Mercedes-Benz-Arena zu begrüßen. Die ersten Schritte sind getan, aber es gibt noch viele Baustellen. Unbedingt müssen die Mannen mit dem roten Brustring an der Konstanz arbeiten. Zwischen überdeutlichen Siegen in Heimspielen gegen Hertha BSC (5:0) und den SC Freiburg (4:1) bringen die Schwaben zu oft schwache Auftritte (0:3-Niederlage gegen Gladbach, 2:4-Niederlage gegen Hannover).
Also bitte liebe VfB-Fans und Verantwortliche: Lasst Bobic und Labbadia Zeit! Auch wenn wir jetzt zwei Jahre nicht international vertreten sind, der Weg dahin stimmt und wir wieder Früchte tragen. Jetzt am Wochenende ein Sieg gegen den HSV, ein Joker-Tor von Cacau, die Einwechslung von einem Nachwuchstalent und die Welt sieht wieder besser aus.
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