20. Februar 2012

Feuerwehrmann, König und Europameister

Nun soll es ein ganz erfahrener Trainer bei der Hertha aus Berlin richten. Otto Rehhagel wurde letzte Woche als neuer Coach bei Hertha BSC vorgestellt. Der mittlerweile 73-jährige Essener kann nun seinen eigenen Rekord aufbessern – mit 820 Spielen auf der Trainerbank in der Bundesliga steht Rehhagel mit großen Abstand auf Rang eins. „Ab Montag bin ich bei Hertha das Gesetz und alle hören auf mein Kommando. Ich bin ein Vorreiter und erwarte Ordnung und Disziplin. Ich bin ein Preuße. Oder auch ein demokratischer Diktator“, so läutete „Rehhakles“ seine erste Pressekonferenz bei der Berliner Hertha ein.

Erste Station Hertha
Als aktiver Fußballer war er als beinharter Verteidiger gefürchtet. 1963 schaffte Otto den Sprung von Rot-Weiß Essen zu den Profis von Hertha BSC Berlin in die neu gegründete Bundesliga. Bis 1972 war Rehhagel bei der Hertha und dem 1.FC Kaiserslautern in 201 Spielen auf dem Feld und erzielte dabei 23 Tore. Nun schliesst sich der Kreis wieder bei der Hertha.

Vom Feuerwehrmann zum König
Die Hertha ist nun Rehhagels elfter Trainerjob seit dem Jahr 1974, als er vom Feld auf die Bank wechselte. In seinen ersten Jahren als Trainer machte sich der Verteidiger einen Namen als Feuerwehrmann. 1976 verhinderte er mit Werder Bremen den Abstieg, zwei Jahre später musste er mit Arminia Bielefeld den Gang in die zweite Liga antreten. 1979 bewahrte er Fortuna Düsseldorf vor Abstieg.
Seine beste Zeit erlebte der gebürtige Essener bei dem SV Werder Bremen. Fünf Jahre nach dem verhinderten Abstieg kehrte Rehhagel an die Weser zurück. Ein wahrer Glücksgriff für die Grün-Weißen. Rehhagel bewies ein feines Gespür für Neuzugänge und holte die bisher unbekannte Spieler Rudi Völler, Wolfgang Sidka und Frank Neubarth in die Bundesliga. Vor allem Rudi Völler schlug sofort ein und wurde mit 23 Treffern Bundesligatorschützenkönig. Nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses musste Werder dem HSV in der Saison 1982/1983 die Meisterschaft überlassen. In den kommenden Jahren steigerte sich Bremen zu einer Spitzenmannschaft in der Bundesliga – 1985 und 1986 sicherten sich die Grün-Weißen den zweiten Rang. 1988 gelang „König Otto“ sein Meisterstück, Werder Bremen feierte am Ende der Saison die zweite Meisterschaft seit 1965. In seiner 14-jährigen Amtszeit wurde Rehhagel zweimal deutscher Meister (1988, und 1993), gewann den DFB (1991 und 1994) und hielt 1992 den Europapokal der Pokalsieger in den Händen.

Der Husarenstreich und Sirtaki
Nach einem kurzen Intermezzo bei den Bayern wechselte Rehhagel in die zweite Liga zum FC Kaiserslautern. Auch dort bewies der Essener Fingerspitzengefühl und führte die Pfälzer zurück in die erste Liga. Ein Jahr später wurde der FCK als Aufsteiger direkt deutscher Meister. Rudi Völler, Rehhagels einstiger Schüler: „Ein Husarenstreich, der in hundert, ach was, in tausend Jahren niemanden wieder gelingen wird.“ Doch nicht nur seine Erfolge bescherten Rehhagel einen Platz in der Ruhmeshalle der Bundesliga. Unvergessen sein Wechselfehler am 26. September 1998 in der Partie gegen den VfL Bochum: Mit Pascal Ojigwe wechselte Rehhagel den vierten Nicht-Europäer ein und verstieß damit gegen die DFB-Regeln. Trotz des Regelverstoß verloren die Pfälzer am Ende mit 2:3, Bochum verzichtete auf einen Einspruch.
Ins internationale Rampenlicht spielte sich Rehhagel mit seinem Engagement bei der griechischen Nationalelf im Jahr 2001. Völlig unerwartet übernahm nun „Rehhakles“ die bisher kaum erfolgreiche Mannschaft aus Griechenland. Obwohl ihm in seiner Amtzeit steht altbackene Methoden vorgeworfen worden, blieb Rehhagel seine Art treu: „Modern spielt, wer gewinnt.“ Und er sollte nur drei Jahre später Recht behalten. Mit einer disziplinierten Mischung aus Kampfgeist, einer defensiven taktischen Ausrichtung und langen Bällen in die Spitze wurde der Aussenseiter 2004 Europameister. Mit seinem Steinzeitfußball mit Libero und zwei Abwehrketten spielten die Griechen selten schön, aber überaus erfolgreich. Die spielerisch starke Konkurrenz aus Frankreich, Tschechien und im Endspiel Spanien fanden keine Mittel gegen die soliden Griechen und mussten am Ende mit ansehen, wie der Fußballzwerg Europameister wurde. Insgesamt erreichte „Rehhakles“ mit Griechenland zweimal die Endrunde einer Europameisterschaften und einmal die Weltmeisterschaft.

Ein Kreis schliesst sich
Nun kehrt Rehhagel mit 73 Jahren zurück in den Bundesligazirkus. Er selbst sieht sich gut gewappnet für die nächste Station: „ So lange ich lebe, will ich Spannung. Ich bin gesund, fit und habe Lust. Der Sinn des Lebens besteht in der Arbeit, wie Immanuel Kant schon sagte.“  „König Otto“ bleiben nun 12 Spieltage Zeit, um die Berliner Hertha wieder ins richtige Fahrwasser zu bringen: „Noch ist das Hertha-Schiff nicht untergegangen, es hat aber ein großes Leck.“ Ob er dabei auf seine altbewährte Defensivtaktik im 4-4-2 zurückgreifen will, ist nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass die Hertha nach fünf Niederlagen in Folge nur noch zwei Punkte vom Tabellenletzten Augsburg entfernt platziert ist. Am Samstag gilt es nun ein sechs-Punkte-Spiel zu gewinnen. Um 15:30 reist die angeschlagene Hertha nach Augsburg, um den Abstand auf den Tabellenletzten zu vergrößern.  49 Jahre nach seinem ersten Auftritt bei der Hertha – damals noch als Spieler – soll der mittlerweile 73-jährige Otto Rehhagel zurück zur Basis gehen. Er wird wieder als Feuerwehrmann gebraucht...

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