6. März 2012

Der afrikanische Traum von Schnee und Eis

Dieses Jahr hielt Fortuna bisher ihre schützende Hand im Sport gerne über die Underdogs. Sambia besiegte den haushohen Favoriten Elfenbeinküste im Finale des Afrika Cups, die Slowenen holten bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Ruhploding mit der Mixed-Staffel die Silbermedaille. Vielleicht schlägt auch dieses Jahr die Stunde für einen ganz besonderen Sportler aus Afrika. Sein ganz bescheidener Traum: Im  März einmal  für eine Woche in das bayerische Waldkraiburg reisen.

Eisstöcke in Afrika
Dort findet dieses Jahr die Eisstock-Weltmeisterschaft statt. Mittendrin die Nationalmannschaft aus Namibia und Jessie Mweshipopya. Wie das alles zusammenpasst, grenzt fast schon an eine Geschichte aus dem Märchenbuch der Großmutter.
Vor acht Jahren sollte in der namibianischen Hauptstadt Windhoek eine hochmoderne Halle entstehen – mit einer Eisfläche mitten in der afrikanischen Landschaft mit knapp 25 Grad Celsius Durchschnittstemperatur im südwestlichen Teil des Kontinents. Ein Sponsor beflügelt den Bau mit einer simplen Idee: Eine Nationalmannschaft für das Eisstockschiessen soll her. Der Plan geht halb auf, mit der Unterstützung deutscher Einwanderer entsteht zwar keine Halle aber ein Team. Der Sponsor lässt als Andenken an das wahnwitzige Konzept ein paar Eisstöcker dort. Selbst wenn wenige Namibianer bisher Eis, geschweige denn Schnee einmal in der Realität gesehen haben -  zehn Namibianer gehen das Wagnis ein.

Erster Start für die Afrikaner
Training auf Eis ist also für die Afrikaner erst einmal nicht drin. Stattdessen wird auf einer Terasse des Goethe Instituts ein bis zweimal im Monat trainiert. 2004 startete die namibianische Nationalmannschaft zum ersten Mal bei einer WM. In Graz wird ein klares Ziel ausgeben: Bloß nicht Letzter werden. Am Ende wurden die Afrikaner Vorletzter. Bei der nächsten Weltmeisterschaft in Südtirol verbessern sich die Sportler aus dem Süden Afrikas auf den siebten Rang und lässt vier Teams hinter sich. Knapp 4200km weiter nordöstlich breitet sich der Eisstock-Boom aus. Auch Kenia schickt seit der jüngsten Vergangenheit immer wieder Teams zu den Weltmeisterschaften und macht den Vorreitern dieses Wintersports in Afrika, Namibia, beim eigenen Afrika Cup Konkurrenz.

Der Träumer
Seit 2006 ist auch Jessie Mweshipoya dabei. Ganz per Zufall kam der 37-Jährige zu dem ungewöhnlichen Sport. Jessie arbeitete als Gärtner in Windhoek, um sein mageres Gehalt als Hobbyfotograf aufzustocken. Eines Tages kommt Mweshipoya in den Garten von Detlef Pfeifer, seines Zeichen Präsident des namibianischen Eisstockverbandes. Die beiden Männer kommen ins Gespräch. Zu einem Aktionstag soll jedes Verbandsmitglied eine Person aus dem Bekanntenkreis mitbringen, Pfeifer entscheidet sich für Jessie - die Geschichte beginnt.

Zwischen Sport und der Holzhütte
„Inzwischen ist er fester Bestandteil unserer Mannschaft, einer unserer eifrigsten Sportler“, sagt Pfeifer. Im Männer-Nationalteam ist der 37 Jahre alte Jessie der einzige ohne deutsche Wurzeln oder ohne deutsche Ehefrau. Trotzdem zählt er eine Gold- und eine Bronzemedaille des letzten Afrika Cups sein Eigen. Der Owambo vom Stamm der Kwanyama schuftet jeden Tag hart für seinen Traum. Denn die Reise ins weit entfernte Bayern müssen die Sportler aus eigener Tasche bezahlen. Kostenpunkt 1000 Euro.
Im Monat verdient sich Jessie mit Amateurfotografie und Gartenarbeit in den wohlhabenden Gegenden von Windhoek knapp 200 Euro. Seine kleine Holzhütte im Ovamboland an der Grenze zu Angola sieht der 37-Jährige nur alle zwei bis drei Wochen. Von seiner Arbeit in Windhoek bis in sein Heimatdorf muss der Namibianer acht Stunden Fahrt in einem Sammeltaxi und 15 Euro ein Kauf nehmen. Für ein wenig Geld nahm Jessie Gäste in seine Hütte auf und zeigte ihnen das Dorf und die Umgebung. Lange hat er gespart und seinen Traum verwirklicht.

0 statt 25 Grad
Das Nationalteam aus Namibia ist schon deutlich früher als die anderen Mannschaften angereist. Es sind schließlich vier Jahren seit der letzten Weltmeisterschaft vergangen. Seitdem haben die Namibianer nicht mehr auf Eis gespielt und das macht sich bemerkbar. Neben dem ungewohnten Geläuf macht den Afrikanern auch derTemperaturunterschied von 25 Grad zu schaffen. Dennoch strahlt Jessie Mweshipopya, als er zum ersten Mal auf die Bahn steigt und den Eisstock über das Eis gleiten lässt: „Es macht richtig Spaß auf Eis zu spielen, aber es ist echt schwierig.“ Für die Athleten aus den anderen Ländern hat Jessie noch eine besondere Überraschung parat. Jeder Nationalspieler kann für 100 Euro in Jessies Holzhütte wohnen und auf einen Namibia-Trip mit dem wohl exotischten Sportler der diesjährigen Eisstock-WM gehen.

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